Pferdegymnastik und Hindernisstrail 16.07.17

Pferde-Wohlfühlgymnastik 🙂

Smokey vor der Brücke. Das konzentrierte Stehen vor dem Hindernis ist wichtig. Smokey und ich sammeln uns für die Herausforderung.
Langsam Schritt für Schritt erklimmt Smokey die Brücke. Es handelt sich um verschiedene Untergründe: Plane – bunter Teppich – blanke Holzlatten. Smokey hätte es leichter, wenn ich die Zügel deutlicher nachgeben würde, damit er mit der Nase weiter nach vorne-unten käme.
Voller Konzentration und innerer Ruhe steht Smokey auf der Brücke und holt sich seine verdiente Belohnung ab. Größte Belohnung ist für ihn allerdings meine Freude und mein Stolz – er wächst geradezu einige Zentimeter. Für Smokey sind solche Übungen nicht leicht, da er immer wieder unsicher ist und an sich selbst Zweifel hat. Umso wichtiger ist es, gemeinsam mit dem Pferd Herausforderungen mit viel Zuspruch und Motivation zu bewältigen. Immer in dem Rahmen, der für das Pferd in der Wohlfühlzone liegt.

Besonders vom langsamen Gehen, Schritt für Schritt profitieren Pferde wie Smokey sehr. Durch das bewusste Schreiten fühlt er in seinen Körper hinein und koordiniert jede Bewegung einzeln. Das bewusste Fühlen und Wahrnehmen des eigenen Körpers ist Grundlage für jede „gute“ Bewegung und ganz besonders für das SELBST – BEWUSSTSEIN des Pferdes. Je mehr Körpergefühl das Pferd entwickelt, desto mehr Vertrauen in den eigenen Körper und die eigenen Fähigkeiten gewinnt es.

Mit Bedacht und Achtsamkeit steigen wir langsam die Brücke wieder herunter. Smokey hat große Freude an derartigen Herausforderungen – das steigert sein Selbstbewusstsein und sorgt für Abwechslung.

Niemals geht es darum, das Hindernis schnell hinter sich zu bringen. Das einzige was zählt, ist die Bewusstheit! Langsames Schreiten ist bei solchen Übungen das Wertvollste und Wichtigste!

Lilly
Biegeübungen und Wohlfühlgymnastik mit gebissloser Zäumung

Oft reite ich Lilly mit einer gebisslosen Zäumung: in diesem Fall dem Kolumbianischen Bosal einem einfachen, weichen Lederriemen (Nasband) nach Maß mit Lederkinnriemen.

Diese Zäumung ist ohne jegliche Hebel, eine direkte seitliche Einwirkung ist möglich und erleichtert dem Pferd das Verständnis der Hilfen. Auch ein ungebrochenes Stangengebiss ist für diese Hilfengebung geeignet – siehe auch mein Bericht über Zäumungen und Gebisse.

Meine Hände halte ich nah beieinander, als Vorbereitung für die einhändige Zügelführung. Das Pferd soll möglichst bald auf die Berührung des Zügelleders am Hals reagieren, so dass die Zügel irgendwann dauerhaft durchhängen können und ein Impuls am Kopf des Pferdes nicht mehr nötig ist.

Durch das Bewältigen von Zirkeln, Volten und engen Wendugen schult das Pferd sein Gleichgewicht und hält die Muskeln geschmeidig. Gleichzeitig wird Kraft aufgebaut. Diese Übungen sind nicht nur für den Körper des Pferdes förderlich, auch für die Psyche, da das Pferd selbstbewusster und zentrierter wird. Hier: Achter um die Hütchen

Da Lilly ein eher hektisches Pferd ist und zu fahrigen Bewegungen neigt, sind Übungen, die das Gefühl für den eigenen Körper fördern sehr wichtig. Lilly lernt, sich zu zentrieren, sowohl geistig als auch körperlich. Sie findet ihre Mitte und übt aus ihrer Mitte heraus zentriert, bewusst und kraftvoll zu agieren. Ähnlich wie im Yoga geht es nicht um die „fertige Übung“ an sich, sondern vielmehr um den Weg dorthin: das Fühlen und Wahrnehmen – und daraus das bewusste Handeln. Dass Pferde zu solch bewusstem Handeln fähig sind, berichten mittlerweile nicht nur Pferdemenschen, auch die Wissenschaft hat dies inzwischen mehrfach bestätigt. (Buchtipps: Alle Werke von Marlitt Wendt)

Schulterherein links
Schulterherein rechts
Lilly untersucht die Brücke mit den Hufen. Ich bestätige sie in ihrem Tun und feuere sie an. Sicherheitshinweis: bei beschlagenen Pferden bitte vorsichtig sein! Die Plane könnte sich zwischen Huf und Beschlag einklemmen – das kann zu Paniksituationen führen.

Seit Lilly entdeckt hat, dass „gefährliche Sachen“ nicht nur interessant sind und Abwechslung bringen, sondern auch noch ganz viel Jubel und Lob einbringen, ist sie nicht mehr zu bremsen, wenn es darum geht, neue „Monster“ zu besiegen.

Zufriedener Blick von Lilly – als würde sie sagen „Bin ich nicht supertoll“ 🙂 . Ich bin sehr stolz auf meine Lilly.

Mit jeder Herausforderung wächst nicht nur das Selbstvertrauen des Pferdes, auch die Vertrauensbeziehung Mensch-Pferd wird gestärkt und vertieft.

Und Leckerli gibt´s natürlich auch

Das Leckerli ist immer dabei – jedoch nicht so wichtig wie die echte Freude des Menschen! Nur wer mit Begeisterung lobt, wird sein Pferd damit bestätigen können.

Schritt für Schritt schreitet Lilly die Brücke entlang – nach jedem zweiten Schritt halten wir an und zentrieren uns. Lilly soll das Hindernis ganz bewusst und mit ihren Hufen fühlend überschreiten.
Noch eine Herausforderung: die blaue Plane. Lilly ist etwas unsicher, aber sie schnuppert interessiert. Natürlich wird sie mit Stimme und positiven Gedanken von mir bestätigt und ermutigt. Lilly weiß, dass sie mir vertrauen kann, dass ich alles was ich mache in ihrem Sinne tue.

Lilly ist recht schreckhaft – deshalb gehört das Vertrauenstraining von Anfang an zu unserer regelmäßigen Beschäftigung. Umso mehr Mut und Vertrauen das Pferd in sich selbst entwickelt, umso gefestigter, stolzer, zufriedener, verlässlicher und zentrierter wird das Pferd.

Für so viel Mut gibt es natürlich auch eine Belohnung für den Gaumen.
Hui…. die Plane wirbelt umher …. und Lilly steht bei durchhängenden Zügeln gelassen.
Lilly, Du bist so ein wundervolles Pferd!
… und dann kann man ja die Plane auch noch hinterherziehen …. Lilly ist aufmerksam und gelassen.

An dieser Stelle noch ein Hinweis zur Zügelführung: von Anfang an reite ich so viel wie möglich mit einer Hand bzw. mit nah beieinander stehenden Händen, um die einhändige Zügelführung für das Pferd zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen.

… die Plane kann man auch noch während des Schreitens umherflattern lassen. Lilly wird ständig mit lobenden Worten von mir bestärkt. Sie ist dadurch mutig und gelassen.
…. Lilly lernt, dass es nicht schlimm ist, wenn die raschelnde Plane ihre Beine und ihren Bauch berührt. Alles in völliger Ruhe und immer mit durchhängenden Zügeln.
Ganz wichtig: die Pause zum Nachdenken und Nachspüren

Vieles wird erst im Nachhinein geistig verarbeitet und im Unterbewusstsein abgespeichert. Deshalb sind Pausen und kurze Trainingseinheiten so wichtig. Eine Übungseinheit darf bei einem jungen Pferd maximal 10-20 Minuten dauern. Länger ist ein junges Pferd nicht fähig sich zu konzentrieren. Wenn der Mensch mit den geistigen und körperlichen Kräften seines Pferdes verantwortungsbewusst umgeht, wird er stets ein waches, motiviertes, mitdenkendes Pferd haben, da das Pferd weiß, dass es immer mit Energie-Reserven und erhobenen Hauptes den Platz verlassen wird.

Freude auf Seiten von Pferd und Reiter. An dieser Stelle jedoch eine Bemerkung zu mir: Lilly hätte es leichter, wenn ich die Zügel ganz hingeben und mich aufrichten würde, im Moment des Fotos „hänge“ ich ihr stark über dem Widerrist.
Lilly losgelassen im Trab auf dem Zirkel. Freudige, entspannte Mimik bei Pferd und Reiterin 🙂
Trab auf dem Zirkel
Noch ein paar Worte zum Sattel: für Lilly verwende ich einen Trekker True Talent. Wirklich ein wahres Talent, nämlich in allen Richtungen verstellbar und wunderbar bequem für Pferd und Reiter. Die Reiterbeine sind ganz nah am Pferdekörper und der Reiter wird gut über dem gemeinsamen Schwerpunkt platziert.

Einige Gedanken zur Motivation: Pferde sind sehr sensibel, wenn es um die Stimmung ihres Menschen geht. Echte Begeisterung und Freude des Menschen wirkt fast immer ansteckend auf das Pferd. Meiner Erfahrung nach ist die eigene Motivation das allerwichtigste beim pferdegerechten Umgang. Nur wenn ich selbst Freude an der Sache habe, kann ich mein Pferd motivieren. Durch Begeisterung ihres Menschen wachsen die Pferde über sich selbst hinaus und entdecken neue Welten des eigenen Körpers und des eigenen Gefühls. Niemals darf es um die Lektion gehen – immer sollte es um das Pferd und sein Wohlbefinden gehen. Dann ist das Pferd motiviert und profitiert sowohl körperlich als auch geistig-seelisch vom gemeinsamen Training. Und die Motivation und Freude des Pferdes überträgt sich wiederum auf den Menschen – die Begeisterung des Menschen und die Begeisterung des Pferdes bedingen sich gegenseitig.

Buchtipp am Rande: „Jeder Gedanke ist eine Kraft“ von Nicole Künzel